PANTEÓN ROCOCÓ

infiernos tour 2019

Mo: 23.12.2019
Doors: 20:00

infiernos tour 2019

www.panteonrococo.com

Tickets bei KoKa36

Unbequem, unkonventionell und ausgesprochen bissig haben sich Panteón
Rococó in den letzten 24 Jahren präsentiert. Richtig gelesen – die mexikanische
Kapelle, die sich mit den Zapatisten solidarisiert, gegen Rassismus und
Diskriminierung eintritt und sich in den FC St. Pauli verliebt hat, ist bereits seit fast
einem viertel Jahrhundert aktiv.

„Guerrero ist nicht irgendein Stadtviertel für uns. Hier bin ich groß geworden,
hier hat meine Familie das Massaker von Tlatelolco miterleben müssen und hier
feiern wir heute mit Euch“, erklärt Luis Dr. Shenka nach den ersten zwei, drei
Stücken im gutgefüllten Salón Los Angeles. Der Salón, der in einem der ältesten
und rebellischsten Stadtviertel von México DF liegt, ist selbst schon eine Institution.
Hier haben die Großeltern von Dr. Shenka schon vor 75 Jahren das Tanzbein
geschwungen und entsprechend viele stimmungsvolle Schwarzweiß-Fotos von
Musikern und Tänzern aus längst vergangenen Tagen hängen an den Wänden.
Eine Lokation wie gemacht für die ehemalige Studentencombo.

Die hat sich vor nunmehr vierundzwanzig Jahren zusammengefunden, um
kollektiv, radikal und pazifistisch den mexikanischen Klangkosmos zu erobern
und sich mit denen zu solidarisieren, die eben keine Stimme haben.
„Compañeros musicales“, musikalische Genossen, werden sie seit ihren ersten
Auftritten im Lakandonischen Urwald von Chiapas von den Anhängern der
zapatistischen Befreiungsbewegung genannt. Und natürlich hängt die Fahne der
EZLN, des Zapatistischen Befreiungsheeres, an einer der Boxen, die auf der
geräumigen Bühne stehen. Eine Fußballmannschaft muss da schon locker Platz
haben, denn Panteón Rococó hat heute Freunde geladen und mit der
Stammbesetzung von neun Mann kann es die Band mit so mancher Mariachi-
Kapelle aufnehmen. Bei den Texten hat sie den schnulzigen Göttern der
mexikanischen Populärmusik aber einiges voraus – Pantéon legen den Finger in
die Wunde.

„Sauerstoff für eine neue politische Bewegung brauchen wir in Mexiko, und dafür
versuchen wir als Band unseren Beitrag zu leisten“, sagt Luis Dr. Shenka und fährt
sich durch den schwarzen Bart, der sein Kinn ziert. „Ejército de Paz“, zu deutsch
„Friedensarmee“, ist der Titel eines ihrer originären Alben, die in Mexiko und in
Deutschland ihre Fanbasis hat. Davon zeigt die andere große Fahne auf der
Bühne, die das Logo des FC St. Pauli ziert, den Totenkopf. Den hat die Band, die
Ska, Punk, Rock, Cumbia zu einem brodelnden treibenden Beat fusioniert, in
Mexikos Hauptstadt genauso heimisch gemacht wie den alten Millerntor-
Schlachtruf „Super Hamburg“, der heute immer aus dem Publikum erschallt.

Tribut an eine Band, die im Sog der zapatistischen Erhebung von 1994 entstand.
„Für mich – und da spreche ich glaube ich für die gesamte Band – war das wie
ein Weckruf“. Ein ausgesprochen nachhaltiger, denn die Band tritt seit nunmehr
18 Jahren für ein anderes Mexiko ein und auf. Ein Mexiko, in dem die Rechte der
indigenen Minderheit respektiert werden und wo die Mitbestimmung der
Bevölkerung sich nicht im regelmäßigen Urnengang erschöpft. Die Songs der
Band gehen dabei nicht nur in die Beine, sondern auch in den Kopf. Sie sind ein
Spiegelbild der gesellschaftlichen Realität, in dem von Korruption und
Klientelismus geprägten Land. Gegen diese Strukturen macht die Band mit
Stücken wie „Democracia fecal“, einer tanzbaren Hymne gegen das verkommene
demokratische System, oder dem Appell für kollektive Strukturen wie in „Marco’s
Hall“ Front. „Alternativen aufzuzeigen und die nachwachsende Generation
informieren“, ist der selbsterteilte Auftrag der Band. Der wird auch nach 24
Jahren ernst genommen. Die Band um das singende Energiebündel Dr. Shenka
mahnt angesichts des verheerenden Drogenkrieges im Norden des Landes, die
sozialen Konflikte im Süden nicht zu vergessen.

Solidarisch, kritisch, kreativ!

Doch Dr. Shenka und seine Mitstreiter lassen es dabei nicht bewenden. Konzerte,
deren Einnahmen komplett sozialen Bewegungen gespendet werden, sind typisch
für die sich engagierende Band. Tanis, der Mann an den Congas, gibt Musikund
Capoeira-Unterricht in einem unabhängigen Kulturzentrum im Süden von
Mexiko-Stadt: „Ein Netzwerk von autonomen Jugend- und Kulturzentren wie in
Deutschland wünschen wir uns auch für Mexiko“, erklärt der sympathische
Musiker mit den gestutzten Dreadlocks.

Alternative Strukturen von unten will die Band schaffen, und das eigene Studio
ist ein Beispiel dafür. „Im Cocodrilo Solitario bieten wir jungen Bands die Chance
aufzunehmen. Die befinden sich schließlich in der gleichen Situation wie wir
einst“, erklärt er gemeinsam mit Luis Román Ibarra alias Dr. Shenka. Letzterer
sitzt dann liebend gern an den Reglern und produziert die Nachwuchsbands, die
ihm gefallen.

Inspirierend ist das für die Arbeit von Pantéon Rococó. Die Band jongliert seit
ihrer Gründung mit einem Potpourri von unterschiedlichen Genres. Neben Ska
und Rock als Basis sind Cumbia, Mariachi und Ranchera genauso präsent wie
Reggae, Dub und kubanische Klänge. Auch House und Techno-Versionen einige
Stücke sind auf der Homepage der Band zu hören, die 2010 beim 100.
Vereinsjubiläum des FC. St Pauli aufgetreten ist, wie das T-Shirt belegt, welches
Dr. Shenka heute zum Konzert trägt: „Uns gefällt das ganze Drumherum bei
diesem Club. Da wird Solidarität noch ernst genommen“, erklärt Dr. Shenka und
verweist auf das „Viva con Agua“-Trinkwasserprojekt, welches vom 2.Ligaverein
unterstützt wird.

Sowas kommt bei den Mexikanern an. Die sind national und international bestens
vernetzt. Grüße aus anderen Ländern der Region genauso wie reichlich Freunde
und Bekannte auf der Bühne des Salón Los Angeles belegen das. Die Band legt
auf ihren Konzerten immer eine Schippe drauf und entlässt die Fans nicht, bevor
auch der und die letzte neben dem Kopf auch die Beine geschwungen hat. Beim
Heimspiel im Salón Los Angeles war nach drei Stunden Schluss – doch die Tour
geht weiter. In Mexiko, in den USA und Ende des Jahres macht das Rococó-Team
auch wieder Europa unsicher.

(Text Knut Henkel, TAZ)

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